Strategy

Sicherheit braucht Softpower

May 11, 2025

STANDPUNKT | Entwicklungspolitik

Sicherheit braucht Soft Power – auch in der Entwicklungszusammenarbeit

Von Tjark M. Egenhoff

veröffentlicht in Table Media am 1.06.2025

Angesichts massiver Kürzungen vor allem in den USA braucht es jetzt eine Neuerung der angeschlagenen Entwicklungszusammenarbeit, so Tjark M. Egenhoff. Frankreich und Deutschland könnten dabei Vorreiter sein.

Dass Deutschland bald zum größten Geber öffentlicher Entwicklungshilfeweltweit werden könnte, scheint zunächst nur eine Randnotiz. Doch dahinter verbirgt sich eine geopolitische Zäsur: Die Demontage der US-Entwicklungsagentur USAID führt zu einem Wegfall von bis zu 25 Prozent der globalen Mittel, während China, Russland und die Türkei dieses Vakuum ohne Rücksicht auf demokratische Standards füllen. Angesichts eines derartigen Systemschocks reicht ein „business as usual“ nicht aus. Wir brauchen jetzt eine Neuerung der angeschlagenen normbasierten Entwicklungszusammenarbeit, deren Hard- und Software auf den Prüfstand gehört.

Unsere Interessen müssen klarer und strategischer in einem außen und sicherheitspolitischen Gesamtkonzept umgesetzt werden. Auch zum Schutz globaler öffentlicher Güter wie Klimaschutz oder Friedensschaffung. Doch in der Praxis der Entwicklungszusammenarbeit trifft man oft auf technisches Projektmanagement, das politische Ziele und die Skepsis der eigenen Bürger nachrangig behandelt. Populistische Kräfte, die bereits in den USA Entwicklungsgelder zum Sündenbock innenpolitischer Versäumnisse erklärten, gewinnen auch inEuropa an Einfluss. Die Frage ist, ob die neue Koalition den Mut hat, diesen Tendenzen standhaft entgegenzutreten.

Trotz mancher Kritik bleibt die Förderung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit langfristig Europas stärkster Wettbewerbsvorteil und Bestandteil unserer „soft power“. Europa sollte daher eine schnell mobilisierbare Einheit zur politischen Stabilisierung schaffen – finanziell flexibel und bürokratisch unabhängiger als bisherige Modelle, um demokratische Regierungsführung abzusichern und seine Glaubwürdigkeit zu stärken. Die USA sind gerade dabei, diese Struktur abzuwickeln.

Europa agiert vor Ort oftmals vielstimmig. Teils getrieben von kurzfristigen nationalen Wirtschaftsinteressen oder dem immer noch bestehenden Beziehungsgeflecht aus der Kolonialzeit. Diese fehlende Kohärenz braucht eine neue Plattform. In ausgewählten Pilotländern könnten europäische Häuser zunächst die Leitung und Strategieentwicklung von Entwicklungsagenturen wie der GIZ oder der Agence Française de Développement zusammen mit der EU-Delegation unter einem Dach zusammenführen. Dies würde die Umsetzung politischer Ziele erleichtern, Widersprüche reduzieren und Skaleneffekte erzeugen. Vielfalt bliebe erhalten, würde aber strategisch gebündelt.

Diese Strukturreform allein reicht nicht aus. Sie muss von einer Überarbeitung der Finanzierungs- und Anreizmechanismen begleitet werden. Statt jährlicher Mittelabfluss-Logik sollten langfristige Wirkung, politische Stringenz und Reaktionsfähigkeit stärker belohnt werden. Die Komplexität heutiger Verfahren befördert zudem eine endlose Mittlerkette von NGOs, die eher dem bisherigen Geschäftsmodell zugutekommt als dem Aufbau lokaler Eigenverantwortung. Digitale Lösungen und harmonisierte Verfahren können bestehende Lücken schließen.

Die Debatte um die Staatsreform deutet bereits auf einen notwendigen mentalen Wandel hin: weg vom Verwalten, hin zum Gestalten. Der Ansatz des Systemdenkens (systems thinking) bietet hierfür die nötige „Software“. Statt isolierter Einzelprojekte mit begrenzter Systemwirkung braucht es integrierte Lösungsansätze, etwa dort, wo in fragilen Regionen Landrechte, Wassermanagement, Jugendförderung und lokale Vermittlung zusammengedacht werden müssen. Systemdenken schafft vernetzte Strategien durch Bedarfsanalyse, die politische Ziele wirksam machen. Sie bedingt institutionelle Risikobereitschaft, Innovation und lernende Strukturen – Qualitäten, die in der EZ bislang oft fehlen.

Um Europas Glaubwürdigkeit im Globalen Süden zu stärken, müssen wir mit einem wahrlich gleichberechtigten Dialog überraschen – weniger für, sondern mit Afrika. Afrikanische Erfahrungen beispielsweise in der Bekämpfung von Desinformation oder dem Aufbau von kommunaler Resilienz könnten Europas politische Debatte bereichern und eine gemeinsame Perspektive für globale Herausforderungen schaffen.

Angesichts finanzieller Einschnitte muss der Privat- und Finanzsektor stärker in die Anstrengungen von nachhaltiger Entwicklung eingebunden werden. Bisher fehlt es an einer gemeinsamen Sprache, um Finanzierungsmodelle wie „blended finance“ oder das Potenzial freiwilliger CO₂-Märkte intelligenter zu nutzen. Diese würden dringend benötigtes Kapital für Klima- und Entwicklungspolitik freisetzen. Voraussetzung dafür ist allerdings eine erhöhte Risikobereitschaft aufseiten der Geber.

Die neue deutsche Regierung hat gemeinsam mit Frankreich die Chance, eine überholte Entwicklungspraxis grundlegend zu erneuern: eingebettet in ein außen- und sicherheitspolitisches Gesamtkonzept, dialogfähig, innovativ und bereit, mit überkommenen Mustern zu brechen, die unsere Glaubwürdigkeit untergraben. Gelingt das, stärken wir den normativen Ansatz und gewinnen das Vertrauen der Bürger und Partner zurück. Eine anspruchsvolle und lohnende Aufgabe.


Tjark M. Egenhoff ist Gründer des globalen Netzwerks re:design for global transformation, das innovative Ansätze in der Entwicklungszusammenarbeit testet und implementiert. Von 2019 bis 2023 leitete er das UN-Entwicklungshilfeprogramm (UNDP) in Guinea-Bissau. Neben Stationen in Lateinamerika und Europa leitete er das Vorstandsbüro der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin.



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